Ed Fornieles, Truth Table, 2017, Screenshot

Future Love. Begehren und Verbundenheit im Zeitalter geformter Natur

Die Gruppenausstellung „Future Love. Desire and Kinship in Hypernature“ untersucht die Auswirkungen der neuen Technologien und sozialen Medien auf unsere Gefühlsbeziehungen und unsere Sexualität.

Ausstellung

18.01.2018 - 15.04.2018

Eintritt: 9 / 6 CHF (red.)

Pinar Yoldas, Kassandra TCGACTTGATGAACTCTCTACCACACT, 2017, Screenshot

Noch nie schien die Zukunft unserer emotionalen, sexuellen und familiären Beziehungen aufregender, vielversprechender und turbulenter als heute. Die Biotechnologie bietet alternative Reproduktionsweisen, was eine Veränderung der Geschlechterrollen und ihrer biologischen Grenzen mit sich bringt und damit die traditionellen Familienstrukturen in Frage stellt. Neue Industrieprodukte werben damit, unkonventionelle sexuelle Fantasien zu befriedigen, und zwar sowohl in der physischen als auch der virtuellen Realität. Die weltweite Vernetzung ermöglicht die Verbreitung alternativer Modelle von Liebe und Sexualität, was nach wie vor zu weltanschaulichen Debatten zwischen sittenstrengen und aufgeschlosseneren Menschen führt, aber von der breiten Bevölkerung immer mehr akzeptiert wird. Aus diesem neuen Zusammenspiel von Technologie, Produktentwicklung und Umwelt entsteht ein neuartiges Gefüge: die Hypernatur – eine weiterentwickelte Version des Ökosystems, einschliesslich künstlicher Körper und der Wechselbeziehungen mit ihnen. In diesem Zusammenhang hinterfragen einige der weitsichtigsten Theoretiker unsere Vorherrschaft in der Ökosphäre und regen dazu an, die gängigen Diskurse über das Anthropozän hinter uns zu lassen. Gleichzeitig diskutieren sie über unsere unerlässlichen Reproduktions- und Überlebenstriebe.

Diese Debatte gibt Anlass, neu über unsere Identitäten und Verhaltensweisen nachzudenken. Haben die jüngsten Entwicklungen neuer Technologien und die sozialen Medien unsere Beziehungen und unsere Sexualität grundlegend verändert? Inwieweit beeinflussen sie unsere Vorstellungen von Liebe, Familie und Geschlechterrollen? Von einem postdigitalen Hintergrund ausgehend, befassen sich die an der Ausstellung beteiligten Künstler und Künstlerinnen mit diesen Fragen anhand unterschiedlichster Medien, die von Biotechnologien bis hin zu virtueller Realität reichen. Damit bringen sie verschiedene, persönliche Visionen in Bezug auf unsere derzeitigen sexuellen und romantischen Neigungen zum Ausdruck, wobei sie nicht nur Aspekte im Zusammenhang mit persönlichen Liebesgeschichten aufgreifen, sondern sich auch mit Sexualität als Zeichen der Zuneigung, als Reproduktionsprozess oder als Form der Entspannung beschäftigen. Tabita Rezaire lässt in ihren Videoinstallationen beispielsweise Elemente der afrikanischen Kultur mit einem Cyberfuturismus verschmelzen, um heilende Mantras zu erzeugen, mit denen die westlichen, patriarchischen Positionen zur Sexualität untergraben werden. Wong Ping geht mit seinen Leuchtanimationen dagegen auf sexuelle Unterdrückung und Frustration ein. Una Szeemann fertigt per 3D-Drucker Skulpturen an, die aus ihren unter Hypnose erfolgten Meditationen über moderne Liebesgeschichten im Zeitalter von Dating-Apps hervorgehen, während !Mediengruppe Bitnik die gerade diesen Online-Diensten zugrundeliegenden zynischen Mechanismen aufzeigen. Die Künstlerin und Aktivistin Micha Cárdenas hat Apps für Transgender-Nutzer entwickelt, um eine Marktlücke in einem massgeblich von heteronormativen Modellen geprägten Markt zu schliessen. Im Zusammenhang damit stehen fiktionale Dokumentarfilme von Mary Maggic, in denen Hackerprotokolle beschrieben werden, mit denen Transgender und Frauen sich selbst Östrogene besorgen können. Damit will sie eine Diskussion über den Zugang dieser Menschen zu derartigen Hormonen anregen. Einige Künstler und Künstlerinnen, wie Pinar Yoldas und Špela Petrič, sinnen über Biotechnologien und die Möglichkeit nach, Designer-Babys oder sogar völlig neue Spezies in die Welt zu setzen, während die Arbeiten von Dmitry Morozov (alias ::vtol::) und Karen Lancel & Hermen Maat untersuchen, wie Biofeedback und tragbare Geräte ein Mittel bieten, unsere sexuellen Verhaltensweisen aufzunehmen, zu analysieren und möglicherweise zu optimieren. Die mit virtueller Realität arbeitenden Werke wie die von Ed Fornieles lassen uns verstörende Begegnungen mit unerwarteten Partnern und Partnerinnen erleben. Und schliesslich sprechen die Installationen von Joey Holder, Chloé Delarue und Olga Fedorova mit visionären und symbolischen Darstellungen unsere heutige problematische Sexualität an.

Die Ausstellung „Future Love. Desire and Kinship in Hypernature“ bietet sowohl kritische, unkonventionelle und fantasievolle Ausblicke auf das vor uns liegende Leben als auch eine Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Entwicklung der Gesellschaft sowie den auf uns zukommenden Veränderungen, Herausforderungen und Gelegenheiten, die sich auf unsere Verhaltensweisen auswirken könnten. Die ausgestellten Arbeiten sind spekulativ, kritisch und manchmal utopisch. Sie laden uns zum Nachdenken über unsere Modelle von Gefühlsbeziehungen ein, die unsere Situation als Menschen und unsere Präsenz in der Ökosphäre bestimmen.

Künstler und Künstlerinnen: Micha Cárdenas (US), Chloé Delarue (CH), Olga Fedorova (RU), Ed Fornieles (UK), Joey Holder (UK), Karen Lancel & Hermen Maat (NL), Mary Maggic (US), Dmitry Morozov (RU), Špela Petrič (SI), Wong Ping (HK), Tabita Rezaire (FR), Una Szeemann (CH), Pinar Yoldas (TR/US), !Mediengruppe Bitnik (CH).

Kurator: Boris Magrini

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