Rafael Lozano-Hemmer, Pulse Index, 2010. Foto: Kate Russel.

Rafael Lozano-Hemmer: Preabsence

Die erste Einzelausstellung des mexikanisch-kanadischen Künstlers in der Schweiz zeigt eine Auswahl seiner interaktiven Installationen und Werke, die sich spielerisch mit den Themen Überwachung, Wahrnehmung und Täuschung auseinandersetzen.

Ausstellung

09.06.2016 - 28.08.2016

Rafael Lozano-Hemmer, 1984x1984, 2015. Screenshot.

Mit „Preabsence" präsentiert das HeK die erste Einzelausstellung des mexikanisch-kanadischen Künstlers Rafael Lozano-Hemmer in der Schweiz. Im Fokus der Ausstellung stehen Werke, die sich mit dem Motivkomplex von Anwesenheit und Abwesenheit auseinandersetzen, Begriffe, die üblicherweise als einander ausschliessend oder als Gegensätze beschrieben werden. Hier werden sie gleichsam als Echos voneinander präsentiert mit den konkreten Spuren, die durch Daten, Erinnerungen oder die Interaktion der Besucher zurückbleiben. 

Kameras, Trackingsysteme und biometrische Messverfahren haben den öffentlichen Raum mittlerweile in einen überwachten Raum verwandelt, in welchem jeder Schritt und jede Tätigkeit registriert und gespeichert werden kann. Lozano-Hemmer nutzt die gleiche Technologie für seine interaktiven Arbeiten, aber statt das Tracking wie üblich für die präventive Kontrolle einzusetzen, nutzt er diese Technologien, um unterschiedliche Wahrnehmungserfahrungen für die Besucherinnen und Besucher damit zu verbinden. Durch die Entwicklung von Plattformen für Teilnahme und Selbstdarstellung schafft er kritische, spielerische und poetische Installationen, die eine Komplizenschaft mit den Besucherinnen und Besuchern einfordern und die per Definition ausser Kontrolle, vieldeutig und unbestimmt sind. 

Die Ausstellung enthält ergreifende politische Arbeiten wie „Level of Confidence” (2015), ein Werk, das auf Gesichtserkennung basiert und das ständig nach den Gesichtern von 43 vermissten Studenten sucht, die von der mexikanischen Regierung in Ayotzinapa, Guerrero, gekidnapt wurden. In der Arbeit vergleichen Identifikationsalgorithmen, wie man sie aus dem Einsatz beim Militär oder bei der Polizei kennt, die Gesichter der Ausstellungsbesucherinnen und -besucher mit denen der vermissten Studenten, indem es die Gesichtszüge auf Ähnlichkeiten hin untersucht. Das Level an Übereinstimmung wird als „Mass an Vertrauen” in Prozent an-gegeben. Das Projekt zielt darauf ab, das tragische Verschwinden der Studenten sichtbar zu machen, indem eine empathische Verbindung zu den Vermissten hergestellt wird und, auch dies ein entscheidender Aspekt, Einkommen für die betroffenen Familien generiert wird, da Lozano-Hemmer alle Erlöse des Projekts an diese weiterleitet. 

Eine weitere präsentierte Arbeit ist „Pulse Room” (2006), eine Installation, bei der 100 Glühbirnen im Herzschlag der Teilnehmenden pulsieren, die mittels Sensor ihren Pulsschlag auf diese übertragen haben. Die Arbeit wird zum ersten Mal in der Schweiz gezeigt. 2007 wurde sie auf der Biennale in Venedig bei der ersten Beteiligung Mexikos mit einem eigenen Länderpavillon realisiert und sie befindet sich mittlerweile in mehreren Museen der Welt, unter anderem im MoMA in New York. In „Pulse Room” hinterlassen die Besucher ihre digitalen Spuren in der Installation. Ihre Präsenz klingt nach, auch wenn sie bereits abwesend sind. Die Technologie macht sie zu Komplizen in einem Spiel aus Aufzeichnung und Wiedergabe, Präsenz und Abwesenheit.

Vergleichbar ist die Arbeit „Microphone” (2008). Sie besteht aus einem alten Modell eines Mikrofons, das so modifiziert wurde, das sich in seinem Kopf ebenfalls ein kleiner Lautsprecher und eine Platine befinden, die es mit einem Computer verbinden. Spricht eine Besucherin oder ein Besucher in das Mikrofon, wird ihre oder seine Stimme aufgenommen. Als Reaktion erklingt unverzüglich die Stimme eines vorherigen Nutzers – quasi als Echo aus der Vergangenheit. 

Die Arbeit „1984x1984" wurde als Hommage an George Orwell’s dystopischen Roman konzipiert. 30 Jahre nach dessen vorhergesagtem Kollaps der Privatsphäre, zeigt die Arbeit ein Raster aus 1000 zufälligen Hausnummern, die von Google Street View aufgenommen wurden. Sobald der Ausstellungsbesucher vor die Projektion aus einer immensen Vielzahl an Bildern tritt, wird seine Silhouette in der Projektion sichtbar und die Nummern darin zählen immer wieder auf’s Neue durch zu 1984.

Die Ausstellung umfasst zehn Werke unterschiedlicher Medien – von Klangskulpturen bis hin zu datengestützten Displays. Viele Arbeiten basieren auf Partizipation durch die Besucher, um zu existieren und ihr Inhalt ist entsprechend zur Gänze "crowdsourced".  „Preabsence“ präsentiert die Weltpremiere von „Redundant Assembly“, einem reaktiven Display, das ein Porträt aus neun unterschiedlichen Gesichtern von Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung zusammenfügt, und ebenso die Europapremiere drei weiterer Arbeiten. 

Lozano-Hemmer pervertiert die beabsichtigte Anwendung von Technologien und transformiert den vermeintlich neutralen weißen Museumsraum in einen Ort sozialer Interaktion. Dies verleiht seinen Arbeiten ihre ganz besondere Magie, oder, wie er selbst sagt: „[...] with digital technologies I believe that the aura has returned, and with a vengeance, because what digital technology emphasizes, through interactivity, is the multiple reading, the idea that a piece of art is created by the participation of the user.“

Die Werke sind Leihgaben des Künstlers und seiner Galerien: bitforms (New York), Carroll/Fletcher (London), Max Estrella (Madrid) und Art Bärtschi & Cie (Genf).

Führungen:
Jeden Sonntag, 15:00

Sonderöffnungszeiten während der Art Basel:
Mo-So, 13.06.-19.06.2016, 10:00-20:00
Di, 14.06.2016, 10:00-24:00

Führungen während der Art Basel:
Mi, 15.06.-Fr 17.06.2016, 11:00-13:00
Short Talks, Drop in and get involved. Individuelle Ausstellungsgespräche mit dem HeK Team.

Sa, 18.06.2016, 11:00; So, 19.06.2016, 15:00
Öffentliche Führungen durch die Ausstellung.

 

Info
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Rafael Lozano-Hemmer, 1984x1984, 2014, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Airborne 3: Ninth Bridgewater Treatise, 2015, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Call on Water, 2016, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Call on Water, 2016, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Microphone, 2008, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Pulse Index, 2010, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Pulse Index, 2010, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Pulse Room, 2006, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Redundant Assembly, 2016, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Redundant Assembly, 2016, Photo: Franz Wamhof
Rafael Lozano-Hemmer, Sway, 2016, Photo: Franz Wamhof
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Die Ausstellung wird unterstützt von

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